Die Weltbühne

Max Brod: Franz Kafkas Nachlaß

Daß im Juni 1924 mit Franz Kafka einer der größten Dichter und reinsten Menschen aller Zeiten dahingegangen ist – dies ist eine Erkenntnis, an der, wie ich glaube, nicht die geringste freundschaftliche Uebertreibung von meiner Seite Anteil hat; eine Erkenntnis, die heute schon in dem kleinen Kreis, dem Kafka viel oder Alles war, als selbstverständlich gilt, und die dies in nicht allzu ferner Zeit im Kreise aller Kunstfreunde, ja aller menschlichen Menschen sein wird.
Auch mein Abschiedsschmerz ist am Klarwerden dieser meiner Erkenntnis nicht beteiligt. Denn mit derselben Klarheit habe ich noch zu Kafkas Lebzeiten gesprochen und – in meinem Essai: ‚Der Dichter Franz Kafka‘ (Neue Rundschau 1921) – geschrieben. [ … ]

Die Weltbühne 1924, Archive.org; Ausschnitt

Max Brod, Franz Kafka: Eine Freundschaft (Fischer Verlag) auf

Prager Tagblatt

Karl Brand: Die Rückverwandlung des Gregor Samsa

Franz Kafkas phantastische Novelle »Die Verwandlung«, die dem jungen Prager Schriftsteller den Fontane-Preis eingetragen hat, wurde vor einigen Monaten im »Prager Tagblatt« ausführlich besprochen: rekapitulierend sei der Inhalt skizziert: Gregor Samsa wird durch ein rätselhaftes Mißgeschick, daß ihn in eine Riesenwanze verwandelt, in einen abstrusen Gegensatz zu seinem früheren Leben und zu seiner Familie gebracht, ein Gegensatz der läppisch oder bestenfalls komisch wäre, wenn ein anderer als Franz Kafka ihn schildern und begründen würde. In Kafkas Darstellung gewinnt aber das sonderbare Thema eine tragische, menschlich rührende Form. Die »Verwandlung« schließt mit dem kläglichen Ende des Wanzen-Samsa. Hier knüpft die folgende »Rückverwandlung« an, die einer aus dem Kreise Kafkas in dessen Stil geschrieben hat. – Red. der »Unterhaltungs-Beilage«

Man hatte den entsetzlichen Wanzenkadaver des Gregor Samsa mit dem Abdeckerwagen fortschaffen lassen. Dieser hatte den trockenen und abgemagerten Leib mit seinen Gehilfen vor die Stadt gefahren und denselben auf einem ungeheuerlichen Kehrichthaufen abgeladen. Wie lange der tote, vermorschte Leib daselbst auf das Verscharren wartete, läßt sich nicht feststellen, doch begann derselbe bereits durch den Einfluß der Sonnenhitze einen entsetzlichen Pestgeruch zu verbreiten. Die zahllosen Fliegenschwärme, die bei Tag den ungeheuren Kehrichthaufen bewimmelten, trauten sich ob dieses furchtbaren Aussehens und Gestankes nicht an ihn heran.
Die Sonne begann hinter den die Stadt umgebenden Hügeln niederzukriegen [sic], und ein kühler Tau begann mit Einbruch der Dunkelheit herabzufallen, sodaß der Wanzenleib des toten Gregor Samsa gänzlich von großen Tautropfen besät war.
Die um ihn herumliegenden Papiere und alten gebrochenen Stein- und Blechtöpfe hätten, wenn die Finsternis nicht so dicht gewesen wäre, bemerken können, das Gregors [sic] Samsa plötzlich mit den drei linken, freiliegenden Beinchen zu zittern begann, jedoch hätten sie wohl diesem Zittern keine Bedeutung beigemessen, da sie angenommen hätten, daß der Wind es sei, der mit seinen Gliedmaßen bewege. Jedoch war dem nicht so. Im Gegenteil: Gregors [sic] Samsas toten Leib begann ein seltsames Etwas zu durchrinnen, das einem plötzlichen Denkenkönnen gleich und sich ewig in dem einzigen Satze: »Morgen will ich mich zusammenraffen und vor sie hintreten«, äußerte. Weiter ging dieser Gedankenstrahl nicht, Gregor Samsa konnte nicht einmal enträtseln, was dieser seltsame Satz zu bedeuten habe.
Es vergingen Stunden. Nach deren Verlauf konnte er jedoch insoweit Herr seines Denkens werden, daß er nach furchtbaren Anstrengungen, wenigsten den Willen erlangen konnte, von hier fort zu kommen. Und da seine Gedanken im Verlauf weiterer Stunden sich immer mehr und mehr zu sammeln begannen und sich wie eine einzige, lange Kette aneinander zu reihen begannen, bemerkte er zu seinem Entsetzen, daß mit seinem Wanzenleib eine große, seltsame Veränderung vor sich gehe. Er konnte dieselbe nicht erkennen, sondern hatte nur das Gefühl, daß sich sein hinteres Paar Gliedmaßen und mit ihm, sein ganzer Leib sich auf unerklärliche Weise zu verlängern begann.
Und dabei kam es Gregor Samsa zum furchtbaren Bewußtsein, daß er lebe, vor kurzem für tot gehalten wurde und seit Jahren in eine ungeheuere, häßliche Wanze verwandelt worden war. Wie lange hatte er diese Tatsachen nicht mehr gedacht. Er suchte Gewißheit darüber zu erlangen, wieviel Tage wohl seit seinem angeblichen Tot [sic] und seinem jetzigen Erwachen verstrichen sein mochte.
Dann sagte er sich, daß er ruhig bleiben müsse, bis es wieder Tag werden würde, um dann bei Licht zu beschließen, was weiter zu tun sei. Aber dennoch versuchte er es, sich darüber Gewißheit zu verschaffen, wo er wohl jetzt wäre und bemerkte, daß er im [sic] etwas Weichem läge. Er getraute sich jedoch nicht, seine Gliedmaßen zu benützen. Ein Bett konnet es nicht sein, worin er lag. Stroh oder Heu noch weniger. Langsam aber wurde ihm das Atmen schwer, und da er mit seinem Gesicht fast gänzlich nach unten lag, mußte er notgedrungen zuerst den Kopf heben und da er denselben nicht immer steif halten konnte, auch den Rumpf gänzlich zur Seite drehen. Mit Erstaunen bemerkte er hiebei, daß ihm zwei seiner Gliedmaßen schmerzlos abfielen. Er stützte sich auf. Es kam ihm hierbei dabei vor, als ob er Hände habe. Ein peinigendes Verlangen, sich auf die unteren zwei Gliedmaßen aufzustellen, überfiel ihn, aber er war schließlich zu feig, sich auszudenken, daß er wieder Menschengestalt angenommen haben könnte.
Die Zeit schlich ihm nun langsam dahin. Er horchte gespannt, ob er nicht den Schlag einer Uhr der Vorstadtkirchen vernehmen werde. Er lag regungslos auf der Seite und horchte. Dann schlug es Viertel. Nach langem, zehrendem Warten Halb, Dreiviertel, bis er endlich die Uhr Drei schlagen hörte. Ein Frösteln überfiel ihn.
Er dachte: Also noch anderthalb Stunden, bis es Tag wird und mit ihm Licht. Er wollte nicht denken. Aber immer wieder kam der lange, marternde Kreislauf seiner Gedanken zurück. Gregor wurde die bloße Ahnung mit jeder Minute immer Gewißheit, daß irgendetwas mit ihm vorgefallen sei und daß er – und er zitterte vor Angst am ganzen, hageren Körper, – wieder Menschengestalt angenommen habe. Schließlich bog er seine oberen Gliedmaßen verzweifelt an der Stirn und schlug sich an die Schläfen. Mit Entsetzen fühlter er, daß er Finger habe, menschliche Hände habe.
Er riß alle, in ihm schlummernden Kräfte auf und sprang auf seine Füße empor. Die Finsternis war noch dicht und undurchdringlich und er sah keine Handbreit Weges vor sich. »Gehen«, fiel ihm ein. Und er versuchte zu gehen. Aber seine Knie zitterten. Kaum erhielt er Gleichgewicht und da er den Fuß im Schritt vorsetzen wollte, stürzte er wieder zu Boden. Sein Gesicht wurde heiß, über den Rücken fuhr ihm eisige Kälte und er fühlte daß er fieberte. Wie sollte er nach Hause kommen? Schmerz und Schwäche zwangen ihn, regungslos liegen zu bleiben. Eine unsägliche Furcht überfiel ihn, daß er sterben werde. Sein zerwühltes Innere wehrte sich gegen diesen Gedanken.
Sein Elend kam ihm ins Gedächtnis: »Hatte einer so viel gelitten, wie ich?« Niemand. Nun bin ich alt und habe kein Leben hinter mir, das ich Leben nennen könnte.
Im Rücken fühlte er einen brennenden Schmerz. Die Finger tasteten an jene Stelle. Jetzt erst besann sich Gregor Samsa, daß es jene Wunde sei, die ihm sein Vater verursacht habe, da er wütend einen Apfel nach ihm geworfen hatte.
Und dem ersten Lichtstrahl des Morgens, der ihn befiel, und ihn seine Menschengestalt sehen ließ, begann er folgende Rede zu halten:
»Verkünder des Tages! Das große Leid, das ich durchlebte, machte mich wiederum zum Menschen. Ich habe niemals über das Schicksal nachgedacht, nun aber lerne ich, zu grübeln. Das Schicksal will, daß ich wieder vor jene Menschen hintrete, die ich Vater, Mutter, Schwester, Chef und Kollegen nenne, und die nichts für mich übrig hatten, da mein Leib vermorschte; die mich haßten und fürchteten, mich aus Scham vor anderen verbargen und deren Haß soweit ging, daß sie meinem Leib Wunden schlugen.«
»Vater! Wie soll ich nun vor dich hintreten, ohne meine Schmerzen und Leiden an dir zu rächen? Ohne dir zu fluchen? Mein Leben war kein Leben. Es war eine maßlose Stumpfheit, die keine Jugend, keine Freude kannte. Nun bin ich wieder Mensch. Ein Greis fast, schwach und ohne Halt. Und ich weiß nicht mehr, als daß mein ganzes Sein, ein einziges, großes Elend ist; – eine einzige ungeheuer geahnte, ewig unerfüllte Sehnsucht. Ich weiß nicht mehr, als daß ich jetzt schwach bin und friere.«
Und er lag lange stumm am Boden und dachte nach und wartete, ob seine Schwäche, die ihn noch immer gefesselt hielt, schwinden würde. Das große Schweigen, das um ihn war, breitete jetzt eine große Ruhe ihn [sic] und sein Inneres ward ruhig und voll Güte.
Die Sonne kroch langsam ihren Himmelsweg empor und breitete sanfte Wärme um ihn. Gregor Samsa lag schweigend und ruhig dem Aetherbogen des Himmels an, der wortlos und ruhig, nur von ihm gehört zu ihm sprach: Stehe auf! Gehe jetzt.
Und Gregor Samsa erhob sich und ging. Seine Schritte waren langsam aber fest und unerbittlich. Und als er zu den ersten Häusern der Stadt gelangte, schrieen ihm die Häuserketten zu:
»Ein neues Leben beginnt!«

Prager Tagblatt vom 11. Juni 1916, ÖNB; Ausschnitt

Franz Kafkas »Die Verwandlung« und »Die Rückverwandlung
des Gregor Samsa« von Karl Brand (Vitalis Verlag) auf