Franz Kafka: In der Nacht

Wenn man in der Nacht durch eine Gasse spazieren geht und ein Mann von weitem schon sichtbar — denn die Gasse vor uns steigt an und es ist Vollmond — uns entgegenläuft, so werden wir ihn nicht anpacken, selbst wenn er schwach und zerlumpt ist, selbst wenn jemand hinter ihm läuft und schreit, sondern wir werden ihn weiter laufen lassen.
Denn es ist Nacht und wir können nicht dafür, daß die Gasse im Vollmond vor uns aufsteigt und überdies, vielleicht haben diese zwei die Hetze zu ihrer Unterhaltung veranstaltet, vielleicht verfolgen beide einen dritten, vielleicht wird der erste unschuldig verfolgt, vielleicht will der zweite morden, und wir würden Mitschuldige des Mordes, vielleicht wissen die zwei nichts von einander und es läuft nur jeder auf eigene Verantwortung in sein Bett, vielleicht sind es Nachtwandler, vielleicht hat der erste Waffen.
Und endlich dürfen wir nicht müde sein, haben wir nicht soviel Wein getrunken? Wir sind froh, daß wir auch den zweiten nicht mehr sehn.

  • Quelle: Wikipedia
  • Als Text IV unter dem Titel »Betrachtung« in Hyperion Jan./Feb. 1908, Ausschnitt I, Ausschnitt II
  • Unter dem Titel »Betrachtungen« am 27. März 1910 in Deutsche Zeitung Bohemia, Ausschnitt
  • Mit dem Titel »Die Vorüberlaufenden« als Text X in »Betrachtung«, Rowohlt Verlag 1913

Kafka: Die Erzählungen (2011) auf

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