Franz Kafka: Kleider

Oft wenn ich Kleider mit vielfachen Falten, Rüschen und Behängen sehe, die über schönen Körper schön sich legen, dann denke ich, daß sie nicht lange so erhalten bleiben, sondern Falten bekommen, nicht mehr gerade zu glätten, Staub bekommen, der, dick in der Verzierung, nicht mehr zu entfernen ist und daß niemand so traurig und so lächerlich sich wird machen wollen, täglich das gleiche kostbare Kleid früh anzulegen und abends auszuziehn.
Doch sehe ich Mädchen, die wohl schön sind und vielfache reizende Muskeln und Knöchelchen und gespannte Haut und Massen dünner Haare zeigen, und doch tagtäglich in diesem einen natürlichen Maskenanzug erscheinen, immer das gleiche Gesicht in die gleichen Handflächen legen und von ihrem Spiegel widerscheinen lassen.
Nur manchmal am Abend, wenn sie spät von einem Feste kommen, scheint es ihnen im Spiegel abgenützt, gedunsen, verstaubt, von allen schon gesehn und kaum mehr tragbar.

  • Quelle: Wikipedia
  • Als Text V unter dem Titel »Betrachtung« in Hyperion Jan./Feb. 1908, Ausschnitt
  • Unter dem Titel »Betrachtungen« am 27. März 1910 in Deutsche Zeitung Bohemia, Ausschnitt
  • Als Text XII in »Betrachtung«, Rowohlt Verlag 1913

Kafka: Die Erzählungen (2011) auf

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